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Tierschutz und Bewegungsjagden

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Stellungnahme der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT)
Arbeitskreis Wildtiere und Jagd (AK 6) 

Unter Tierärzten, die zugleich als Jäger und im Tierschutz aktiv sind, wird die zunehmende Tendenz zur Durchführung von Bewegungsjagden auf Schalenwild aufgrund der Tierschutzrelevanz kritisch diskutiert. 

Einführung: 
Der Begriff Bewegungsjagd ist im Bundesjagdgesetz nicht definiert, er wird nur für die Jagd auf Schalenwild angewandt. Er umfasst verschiedene Jagdmethoden, bei denen das Wild durch Beunruhigung in Bewegung gebracht wird, bspw. Drück-, Riegel - oder - Stöberjagd. Bewegungsjagden sind in manchen Fällen großflächig angelegt und umfassen nicht selten mehrere Reviere mit einer Vielzahl von Jägern. 

Auf Schwarzwild werden Bewegungsjagden vor allem deshalb durchgeführt, da sich diese Wildart bei Einzeljagd in vielen Fällen nicht in der nötigen Zahl erlegen lässt.

Bei Rotwild kommt dazu, dass durch die Störung, die häufiges Ansitzen mit sich bringt, das Wild im Wald gehalten wird, was die Bejagung erschwert und selbst bei niedrigen Wilddichten zu hohen Schäden führen kann. 

Außerdem haben Bewegungsjagden mancherorts organisatorische Vorteile. Diese reichen von dem geringeren Zeitaufwand je gestrecktem Stück bis zur besseren Vermarktung der Strecke. In manchen Fällen ist die Vermarktung von Drückjagdwild jedoch schwierig, weil ungünstige Schüsse und Mehrfachtreffer das Wildbret zerstört haben. 

Tierschutzrelevanz: 
Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen (§ 1 Tierschutzgesetz). Das gilt selbstverständlich auch für Wildtiere. Folgende 6 Faktoren können zu Tierschutzrelevanz führen: 

Bewegungsjagden allgemein 
  1. Ist das Wild in Bewegung sind tödliche Treffer viel schwieriger als bei stehendem Wild anzubringen; insbesondere bei ungünstigen Schusswinkeln und auf engen Schneisen. So wurde bei Drückjagden auf Schwarzwild in Hessen nur etwa ein Drittel mit Blattschuss erlegt, der Rest der Strecke wies Waidwund-, Keulen- oder Laufschüsse auf. Rehwild wies bei ca. 30 % der männlichen und ca. 60% der weiblichen Tiere Bauchschüsse auf (Krug, unveröffentlicht).
  2. Flüchtendes Rehwild kann auf Grund der arttypischen Bogensprünge nicht sicher getroffen werden. 
  3. Der Einsatz von Hunden kann zu starker Beunruhigung vieler Wildtierarten führen. Besonders tierschutzrelevant ist, wenn Hunde gesundes Wild greifen.
Bewegungsjagden im Winter
  1. Aufgrund des i. d. R. knappen Futterangebots kann von den meisten Wildtierarten im Winter deutlich weniger Nahrung, und darüberhinaus nur Nahrung von geringerer Qualität, aufgenommen werden. Dies hat vor allem für das wiederkauende Schalenwild Bedeutung. Auf die herrschenden klimatischen Verhältnisse und das damit verbundene veränderte Nahrungsangebot reagiert das Schalenwild mit anatomischen und physiologischen Anpassungen. Zu diesen zählen die Verkürzung und Reduzierung der Pansenzotten und eine generelle Reduzierung der Stoffwechselaktivität. Die Tiere nehmen weniger Energie auf und verbrauchen ihre Energiereserven. Untersuchungen des Berliner Instituts für Wildtierforschung belegen, dass die Tiere durch Absenken ihrer Körpertemperatur und Pulsfrequenz in einen effektiven Energiesparmodus eintreten. Vermutlich kommen nur bei ungestörtem Wild alle die Energiesparmaßnahmen zum Einsatz, die von Natur aus möglich wären. Störungen des Schalenwildes im Winter haben für den Energiehaushalt schwerwiegende Folgen. Sie führen zu energiezehrenden Fluchten und verschlechtern die Energiebilanz im Körper. Dies hat zur Folge, dass die fehlende Energie durch Schäle und Verbiss im Wald ausgeglichen werden muss. Stressende Jagden nach der Umstellung der Verdauung im Januar bewirken daher trotz Wildverminderung drastisch steigende Schäden am Wald, so dass von mehreren Autoren übereinstimmend Ruhe im Einstand als notwendig erachtet wird.
  2. Bei höheren Schneelagen, insbesondere wenn der Schnee verharscht ist, treten häufig Verletzungen an den Läufen des Wildes und ggfs. der beteiligten Hunde auf. Solche Verletzungen beim Wild können fatale Folgen haben. 
  3. Bei der Schwarzwildpopulation ist bundesweit eine Bestandszunahme zu verzeichnen. Die deshalb verstärkte Bejagung des Schwarzwildes führte dazu, dass bislang vorherrschende Rotten-/Familienstrukturen veränderbar geworden sind. Waren früher Überläufer- oder gar Frischlingsbachen eine Seltenheit, muss heute stets damit gerechnet werden. Das bedeutet, dass junge Tiere (mit einem Tierkörpergewicht von 25kg aufgebrochen) bereits Frischlinge gesetzt haben können. Zusätzlich ist die Saisonalität der Geburten nicht mehr klar zu erkennen. Bei der Durchführung von Bewegungsjagden im Hochwinter ist die Gefahr, eine Bache, die bereits gefrischt hat - egal welcher Gewichts- und Altersklasse - zu erlegen, erhöht. Darüber hinaus kann das Wild aus Zeitmangel oft nicht sicher angesprochen werden, denn realistischerweise muss die Entscheidung zum Schuss schnell fallen. Auch durch das langhaarige Winterfell (Schwarte) einerseits und die Witterungs- und Vegetationsbedingungen andererseits wird das sichere Ansprechen erschwert, z.B. das Gesäuge der Bache zu erkennen. Außerdem besteht die Gefahr, Bachen von ihrem unselbständigen Nachwuchs zu trennen. Das kann zum Erfrieren der Frischlinge innerhalb weniger Stunden führen. 

Empfehlungen:
Bewegungsjagden allgemein 
  1. Durch angemessenes Schießtraining und Zurückhaltung in unsicheren Situationen sind Fehlschüsse weitestgehend zu reduzieren. Besondere Verantwortung tragen die Jagdveranstalter bei der Auswahl der Schützen und der Schützenstände. 
  2. Auf flüchtendes Rehwild darf nicht geschossen werden. 
  3. Es dürfen nur sicher lautjagende Hunde mit nachgewiesener Brauchbarkeit eingesetzt werden. Stumm jagende, unkontrolliert überjagende, nur in der Meute jagende Hunde und Hunde, die zum Hetzen oder Anschneiden (Anfressen) neigen, sind auszuschließen. Nachsuchen müssen durchgeführt werden. Für Nachsuchen müssen ausgebildete und erfahrene Nachsuchengespanne bereit stehen. 
  4. Wegen der Beunruhigung des Wildes dürfen großflächig angelegte Bewegungsjagden generell nur einmal im Jahr auf der gleichen Fläche erfolgen. 
Bewegungsjagden im Winter 
  1. Es muss sorgfältig abgewogen werden, ob die Vorteile einer Bewegungsjagd es rechtfertigen, dem Wild Störungen zuzumuten, die zu erheblichem Energieverbrauch führen. Bei anhaltender Kälte (etwa unter – 10oC) oder bei unzugänglicher Äsung durch hohen Schnee müssen Bewegungsjagden unterbleiben. Da sich die Stoffwechselumstellung der Wiederkäuer und die häufigsten Frischzeiten (Geburtstermine) des Schwarzwildes nach der Jahreszeit und nicht ausschließlich nach dem Wetter richten, sind Bewegungsjagden im Januar besonders kritisch abzuwägen.
  2. Ist der Schnee verharscht oder besteht aus sonstigen Gründen erhöhte Verletzungsgefahr, müssen Bewegungsjagden unterbleiben. 
  3. Wenn nicht sicher ausgeschlossen werden kann, dass es sich um ein führendes Stück handelt, verbietet sich der Schuss. Das Schießen von führenden Muttertieren ist nach § 38 (1) BJagdG ein Straftatbestand!